Gottfried Bammes: Die Gestalt des Menschen

Gottfried Bammes: Die Gestalt des Menschen, Englisch Verlag, ISBN: 978-3-86230-001-3
Gottfried Bammes: Die Gestalt des Menschen, Englisch Verlag, ISBN: 978-3-86230-001-3

Kurzübersicht

Dieser Wälzer birgt eine enorme Informationsfülle über den menschlichen Körper: Das Skelett, Muskelstränge und Proportionen werden anhand vieler Farb- und Schwarzweiß-Abbildungen erläutert. Auch auf Bewegungsabläufe und -situationen (Sprinten, Heben, Sitzen, Drehen, Beugen), die Mimik oder die Standbein-Spielbein-Problematik wird eingegangen, was dieses Werk abrundet.


Damit gibt es eine klare Kaufempfehlung für Künstler und Designer, die glaubwürdige Figuren zeichnen möchten. Allerdings setzt das Buch ein grundlegendes Zeichenverständnis voraus, sowie Engagement und den Willen zur ständigen Praxis und Weiterentwicklung – als Einsteiger hat man wenig Freude daran, da es sich um kein klassisches „How to draw“-Buch handelt.


Der hohe Preis von 79,00€ mag vorerst abschrecken, ist aber durchaus gerechtfertigt. Denn abgesehen vom umfassenden Inhalt (473 Seiten), kann das Buch durch seine Aufmachung glänzen: Einer saubere Bindung, sowie das Hardcover mit Schutzumschlag, verspricht jahrelangen Gebrauch. 


Kapitel:

  1. Künstleranatomie einst und heute 
  2. Die Proportionen des Menschen
  3. Die statischen und dynamischen Grundlagen für die Haltung und Bewegung des Menschen
  4. Die plastischen Bausteine des Körpers
  5. Die untere Extremität
  6. Das Rumpfskelett
  7. Die Rumpfmuskulatur
  8. Die obere Extremität
  9. Der Hals
  10. Der Kopf

Eindrücke und Kritik

Im ersten Kapitel steht die Entwicklung der Künstleranatomie im Vordergrund. Diesen kurzen Abstecher in die Kunstgeschichte über die "Leichenfledderer" finde ich sehr unterhaltsam und als Einstimmung für das persönliche Anatomiestudium angebracht.

Wer direkt loslegen möchte, kann diese Seiten aber getrost überspringen und zum zweiten Kapitel blättern. Hier werden die Basics vermittelt wie der 8-Kopf-Kanon, die Schädelproportionen in Frontal- und Profilansicht, sowie die Morphologie von Mann und Frau im Vergleich. Hier gefallen mir besonders die ganzseitigen Bilder, welche die Silhouette und das Skelett frontal und in der Tiefe zeigen und durch detaillierte Streckenangaben (zusätzlich in Textform) ergänzt werden. Weiterführend werden die Konstitutionstypen (pyknisch, athletisch, leptosom) dargestellt.

Die Entwicklung der Proportionen in verschiedenen Altersstufen wird sehr ausführlich in Text und Bild behandelt und ist eine gute Hilfestellung beim Zeichnen.

Stehen, Tanzen, Laufen, Posieren, Heben – das Spiel von Dynamik und Bewegungsausdruck, sowie Last und Schwerpunkt wird im dritten Kapitel besprochen. Und nicht zu vergessen – mein Lieblingsthema – die Standbein-Spielbein-Stellung (auch Kontrapost genannt): Wer ebenfalls Probleme mit sogenannten "Flubber-Beinen" hat, die partout nicht stehen wollen und spielen schonmal gar nicht, denen wird hier Abhilfe geschaffen.


Allgemeines über Gelenke und Muskeln, ihr Aufbau und ihre Formen (acht Stück um genau zu sein!), außerdem Allgemeines von Haut und Fett und wo es sich ablagert (gut zu wissen!) findet sich ab Seite 182 im vierten Kapitel.


In den nachfolgenden Kapiteln fünf bis zehn wird das Augenmerk auf bestimmte Körperzonen, wie die untere Extremität oder den Hals gelegt, dabei sind die Themen grundsätzlich gleich strukturiert. Dabei werden sämtliche Knochen und Muskelpartien angesprochen und bebildert und ich habe wirklich das gute Gefühl, dass mir kein Winkel entgeht. Die klaren Zeichnungen sind großflächig gedruckt und werden weiterhin durch Photos ergänzt. Weitere Ausflüge in die Kunstgeschichte am Ende der Kapitel lockern das Bild und den Lesefluss auf. (Übrigens sehr umständlich betitelt, falls ein Leser suchen sollte)

Das Schmankerl hebt man sich bis zuletzt auf, wie auch bei diesem Buch: Die Grundlagen der Mimik und die kurze Bildstrecke zu verschiedenen Gesichtsausdrücken wie Enttäuschung, Freude oder Schmerz machen das Werk wirklich allumfassend. Wie das Wort "kurz" aber schon vermuten lässt, hätte ich mir tatsächlich mehr Bilder, mehr Beispiele, mehr Zeichnungen dazu gewünscht. Zwölf Gefühlsausdrücke werden anhand von Photos gezeigt. Wo bleiben Scham, lautes Lachen oder Weinen? Und wie wirkt sich die Emotion auf die Hautfarbe oder die komplette Körperhaltung aus?

Dieser Punkt ist aber auch der einzige, den ich ankreiden könnte.

Weiterhin gilt: Ganz klare Kaufempfehlung!

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