Arbeitsmaterial: Warum sich gut und billig nicht verträgt (Übersicht)

Die Guten ins Töpfchen die Schlechten ins Kröpfchen
Die Guten ins Töpfchen die Schlechten ins Kröpfchen

Heute gebe ich meinen Senf zu einem vielerorts diskutierten Thema: Qualitätsunterschiede beim Materialkauf. Warum ich den alten Schuh wieder hervorhole? Weil ich mit Entsetzen festgestellt habe, dass im Internet mit einer Selbstsicherheit unangebrachte Empfehlungen herausgegeben werden und sich mir dadurch sämtliche Nackenhaare aufstellen. Die Einstellung subjektiv vor objektiv geht auch in Fachgeschäften um. Es hilft also nur eins: Lesen, vergleichen und Listen machen.

Das habe ich in den letzten Monaten ausgiebig getan, da ich selbst von meiner Studienausrüstung auf hochwertige Künstlermaterialien umgestiegen bin. Profitiert also von meiner Vorarbeit und macht euch Notizen.

 

Zur Info: Ich gebe mir redlich Mühe das Thema objektiv zu betrachten. Das Fazit, was ich daraus ziehe ist jedoch meine persönliche Meinung. Entscheidet selbst, in welcher Position (Anfänger, Hobbymaler, Student, Profi) ihr euch zurzeit befindet und welche Geldmittel zur Verfügung stehen.



Manche Professoren ruhen sich auf dem Begriff Selbststudium aus: "Experimentiert! Probiert euch aus. Aber lasst mich damit in Ruh'!" Ich lief also los, stand vor der erschlagenden Auswahl an Kunstmaterialien und griff erstmal nach unten zur billigen, angestaubten Ware, die niemand haben will.

Mit einem 200g/m² Aquarellblock (100 Blatt Inhalt) und mit Borstenpinseln vom Discounter bewaffnet, experimentierte ich daheim. Gouache wurde fleckig, das Papier "verkrümelte" sich innerhalb kürzester Zeit, die Farbe lief dorthin wo sie nicht hingehörte.

Kurzum: Ich verzweifelte, verlor die Lust am ausprobieren und war der festen Überzeugung "Ich kann's einfach nicht!"

 

Dieser Frust lässt sich umgehen, indem man direkt zur vernünftigen Ware greift. Und was ist nun vernünftig? Diese Frage müsst ihr zuerst mit euch selbst, eurem Geldbeutel und Bestreben ausmachen. Denn für jeden Künstler, ob Anfänger oder Profi, gibt es die richtige Technik und das entsprechende Material für den individuellen Ausdruck. (Deshalb ist es auch so schwierig eine allgemein gültige Antwort zu geben. Einleuchtend oder?)

 

Nebenstehend sind 3 grundlegende Fragen, die ihr in jedem Fall für euch beantworten solltet.

1. Möchte ich meine Werke verkaufen?

Wenn ja, dann nutze lichtechte* Farben und alterungsbeständiges Papier. Dadurch ersparst du dir verärgerte Kunden, die sich zurecht wegen verblichenen Farben beschweren. Gebe dem Käufer die Info mit, dass keine Werke in direktem Sonnenlicht hängen sollten, egal ob lichtecht oder nicht. Wer die Kosten nicht scheut, könnte sich über Museumsglas Gedanken machen.

 

2. Wie langlebig sollen meine Arbeiten sein?

Ein Meisterwerk auf einer Caféteria-Serviette ist immer noch ein Meisterwerk – zumindest für eine kurze Zeit. Deine Werke sind es wert, aus hochwertigen Materialen zu bestehen. Denk daran, dass jede Arbeit zum Kassenschlager avancieren und Ausstellungswert haben könnte.

(Wer versucht hat die Leichtigkeit und Prägnanz einer Skizze auf einem adäquaten Papier zu wiederholen, kennt sicher das Problem vom leblosen Abklatsch.)

 

3. Möchte ich in teure Produkte investieren, wenn ich eine neue Technik ausprobiere, die mir möglicherweise gar nicht gefällt?

Knifflige Frage! Wie links beschrieben, hat mir schlechtes Material jeglichen Spaß am ausprobieren genommen. Besonders bei Aquarell müssen die Farben leuchten und das Papier saugstark sein, um einen Anfänger zu begeistern. Wer sich unnötig mit den Materialien herumärgern muss, erfreut sich nicht an der Technik. Meine Empfehlung ist zur Künstlerqualität zu greifen (zB.: die Linie HORADAM von Schmincke) und sich nur die nötigsten Näpfchen zu kaufen. So kann man auch mit 6 Farben viele Töne mischen und sich nach und nach einen Kasten zusammen stellen.



Was macht nun den gewaltigen preisunterschied aus und woran erkenne ich gute Qualität?

Die Differenz kommt nicht von irgendwo her. Günstige Gouache-Farben werden beispielsweise gestreckt, haben eine geringe Lichtechtheit und sind weniger stark pigmentiert. Aquarellpapiere unterscheiden sich durch ihre Grammatur, Alterungsbeständigkeit, Körnung* und Materialzusammensetzung (100% Baumwolle, Bambus-Mischung). Die Liste ist lang und würde in diesem Blogeintrag den Rahmen sprengen. In den kommenden Einträgen werde ich aber speziell Aquarellpapier und -farben vorstellen. Freut euch drauf!

Um durch die verschiedenen Qualitäten durchzusteigen, haben viele Hersteller Serien bzw. Linien eingeführt. Das veranschauliche ich weiter unten an ausgesuchten Pinseln von dem Hersteller da Vinci.

 

*Begriffserklärung:

• Wenn ein Pigment einer längeren Beleuchtung ausgesetzt ist, zum Beispiel Sonnenlicht, dann verblasst es. Lichtechtheit (engl.: lightfastness) beschreibt die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Verblassen und wird durch die Wollskala (WS) * - ******** angegeben. Ein * Stern bedeutet lichtunbeständig, während ******** Sterne die höchste Lichtechtheit darstellen. So weit so gut. Manche Hersteller machen es aber kompliziert und benutzen ein anderes Sterne-System, beziehen sich aber auf die Wollskala. Beispiel Schmincke: 5 Sterne stehen hier für WS 8. Faber Castell kommt sogar mit 3 Sternen aus.

• Körnung (engl.: grain oder tooth) beschreibt grob gesagt die Oberflächenstruktur des Papiers. Die bekanntesten Papier-Mühlen hierzulande sind Arches, Lana, Fabriano und Hahnemühle und bieten drei grundlegende Haptiken an: satiniert (hot pressend), fein (cold pressed) und rau (rough).

NOVA-SYNTHETICS Serie 1570

• Besatz: Synthetik • mittlere Farbaufnahme • Preis Gr. 10: ca. 7,00€

COSMOTOP-SPIN Serie 5580

• Besatz: Synthetik • hohe Farbaufnahme • sehr geschmeidig • Preis Gr. 10: ca. 8,00€

COSMOTOP-Mix B

• Besatz: Mix (Marder, Iltis, Feh, Kunstfaser) • hohe Farbaufnahme • Preis Gr. 10: ca. 12,00€

MAESTRO TOBOLSKY-KOLINSKY

• Sibirische Kolinsky Rotmarderhaare von ausgesuchten männlichen Winterschweifen • hohe Elastizität und Farbaufnahme • jeder Pinsel ist einzeln getestet • in Geschenkbox verpackt (plus rückfettender Kernseife zur Pflege) • Preis Gr. 10: ca. 54,00€

 

Leider kann ich keine Entwarnung geben für alle Leser, die beim letzten Satz vom Stuhl gefallen sind. Die Maestro-Pinsel sind tatsächlich so teuer! Allerdings lässt sich schon von der kurzen Beschreibung ableiten, dass es sich um einen hochwertigen, langlebigen Pinsel aus erstklassigem Material handelt. Wer weniger Geld ausgeben möchte greift also zu einem Haar-Mix oder reiner Kunstfaser. Ich nutze die Serien Casaneo 5598, Mix B 5530 sowie Ussuri Sable 1522 und bin mit der Qualität sehr zufrieden.
(Zur da Vinci Pinselübersicht geht es hier)

 

Tipp: Um einen groben Effektpinsel herzustellen, schneide ich ausrangierte Malerpinsel zurecht und bürste kräftig über Beton und Hauswände.


Schmincke HORADAM Aquarell: Was ihr am Etikett ablesen könnt
Schmincke HORADAM Aquarell: Was ihr am Etikett ablesen könnt

Tipps für den Kauf im Fachgeschäft

• Lichtechtheit: Sie sollte auf dem Produkt abgebildet sein. Einige Hersteller bieten auf ihren Webseiten Farbtabellen zum Download an. Fachgeschäfte wie Boesner hängen diese oft zum Produkt. Solltet ihr keine Angaben finden: Finger weg!

Bezeichnung "Künstler-XY": Das ist oft der schnellste Weg um die hochwertigste Linie ausfindig zu machen. "Akademie"-Qualität spricht die Zielgruppe Studenten und Hobbymaler an.

• Nimm Muster-Bögen mit: Boesner stellt kostenlose als auch verkäufliche Probeblätter zur Verfügung. So könnt ihr das Papier vor einer großen Investition ausprobieren.

• Pinsel-Test: Ein absolutes No-Go ist das Anfassen des Schopfes mit den (fettigen) Fingern! Um die Sprungkraft zu testen könnt ihr euren Handrücken benutzen.

Papier sparen: Ihr habt euer Aquarell-Traumpapier gefunden? Dann lohnt es sich vielleicht von einem geleimten Block auf große Bögen umzusteigen. Diese sind oft auf das herunter gerechnete Format günstiger. (Bedenkt, dass lose Blätter nass aufgezogen werden müssen und dadurch mehr Aufwand entsteht)

 



Fazit

Bevor ihr das nächste Fachgeschäft leer kauft, will ich euch noch einmal ins Gewissen reden: Lasst euch (Bedenk-)Zeit.

Man schafft sich gerne überstürzt Materialien an, die im Nachhinein ungenutzt in der Schublade liegen – Nachkaufen geht immer!

Listen und Vergleiche aufzustellen, ist eine zeitraubende Haus-aufgabe, aber sinnvoll. Ihr lernt Vor- und Nachteile verschiedenster Produkte und Techniken kennen. Beispielsweise habe ich allein von der Firma Hahnemühle sieben verschiedene Papierqualitäten getestet, um mich dann für zwei Sorten zu entscheiden, die mit meiner Arbeitsweise konform gehen.

 

Euch hat der Blogeintrag gefallen? Ihr habt Produkt-Vorschläge für kommende Rezensionen? Dann postet gerne einen Kommentar!

 

Damit bin ich over and out und bedanke mich für euer Durchhaltevermögen!

Listen, Farbskalen, Testbögen und ein Blumenmädchen vom Freitagabend
Listen, Farbskalen, Testbögen und ein Blumenmädchen vom Freitagabend

PS: Die Produkte stammen aus meinem persönlichen Bestand. Mir wurden keine Materialien der hier genannten Hersteller zur Verfügung gestellt. 


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